Deutsche Gesellschaft für Psychohistorische Forschung

Trauma, Angst und Feindbilder aus psychohistorischer Sicht

Abstracts der 16. Jahrestagung 31.5. - 2.6.2002 in Berlin


Florian Galler

Träume werden wahr.
Die Reaktion auf den 11. September auf dem Hintergrund der amerikanischen Präsidentschaftswahlen

Der Referent hat in seinem letzten Tagungsbeitrag die unbewussten destruktiven Gruppenwünsche dargestellt, die zur Wahl von George W. Bush zum amerikanischen Präsidenten führten. (Vgl. "'Noch blüht der junge Bush'. Die Wahl von George W. Bush zum Präsidenten. Eine Niederlage des Bewusstseins", Jahrbuch für Psychohistorische Forschung, Band 2, Hrsg.: Winfried Kurth, Ludwig Janus, Matjes-Verlag Heidelberg, 2002). Wie sich diese unbewussten destruktiven Wünsche erfüllen, wird im Tagungsbeitrag mittels einer Fantasieanalyse von Texten und Karrikaturen aus dem Wall Street Journal und aus Schweizer Zeitungen gezeigt.

Florian Galler, geb. 1951, hat an der Universität Zürich Volkswirtschaft (Abschluss als "lic. oec. publ.") studiert und dort auch das "Diplom für das höhere Lehramt in den Handelsfächern" erworben. Er ist früheres Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychohistorische Forschung, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Gruppenfantasieanalyse der Deutschen Gesellschaft für Psychohistorische Forschung und der Repräsentant des New Yorker "Institute of Psychohistory" von Lloyd DeMause für die Schweiz. Er unterrichtet an der "KV Zürich Business School".



Petra Haumersen und Helmolt Rademacher

Rumänien zwischen Europa und dem Orient. Die Bearbeitung interethnischer Spannungen durch konstruktive Konfliktbearbeitung

Berichtet wird über ein Projekt einer deutschen Nichtregierungsorganisation. Eine Gruppe ungarischer und rumänischer MultiplikatorInnen aus Jugendorganisationen in Rumänien wurde in der Zeit von 1992 bis 1995 im Rahmen einer siebenteiligen Workshopserie gleichzeitig in Methoden der konstruktiven Konfliktbearbeitung trainiert und bei der Bearbeitung des zwischen ihnen existierenden interethnischen Konflikts begleitet. Vorgestellt werden Design und Ansatz, die sich an die Problem-Solving-Workshops US-amerikanisch-angelsächsischer Prägung sowie an Methoden interkultureller und internationaler politischer Bildung europäischer Provenienz anlehnten. Daran anschließend werden die wesentlichen Erfahrungen aus dem schwierigen Prozess gegenseitiger Annäherung der Gruppen aus der Perspektive des leitenden Teams dargestellt. Abschließend werden die wichtigsten Schlussfolgerungen für die Möglichkeiten und Grenzen eines Abbaus der wechselseitigen Feindbilder durch diesen methodischen Ansatz reflektiert.

Petra Haumersen, Jg. 1957, Dipl. Politologin, Mediatorin, Erwachsenenbildnerin, mehrjährige Tätigkeit am Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung. Seit 2000 selbstständig im "Konflikt-Kontor", Berlin-Kreuzberg. w Helmolt Rademacher, Jg. 1951, Dipl. Pädagoge und Lehrer (Sek.I), Lehrerfortbildner, Mediator, Leiter des Projekts "Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention" im Hessischen Landesinstitut für Pädagogik, Frankfurt a.M.. w Veröffentlichungen u.a.: Petra Haumersen/FrankLiebe: Multikulti: Konflikt konstruktiv. Trainingshandbuch zur interkulturellenMediation; Mülheim 1999 ; Elmar Philipp/Helmolt Rademacher: Konfliktmanagementim Kollegium; Weinheim 2002; Petra Haumersen/Helmolt Rademacher/NorbertRopers: Konfliktbearbeitung in der Zivilgesellschaft. Die Workshop-Methodeim rumänisch-ungarischen Konflikt; Münster, Hamburg, Berlin, London 2002
Kontaktadressen: Petra Haumersen c/o Konflikt-Kontor, Muskauerstr. 4, 10997 Berlin, Tel: 030 616 29 032, petra.haumersen@konflikt-kontor.de,
Helmolt Rademacher c/o HeLP hrademacher@help-pi.f.shuttle.de



Isabella Herskovics

Psychodrama und Playback in der Traumabewältigung und Versöhnungsarbeit von Menschen mit jüdischer und nationalsozialistischer Herkunft

1989 lernte ich während meiner Ausbildung zur Psychodramaleiterin den israelischen Psychodramatiker Jaacov Naor kennen. Er war der erste, der in seinen Psychodramaworkshops versuchte, Themen der NS-Vergangenheit in`s Bewusstsein zu holen und er war der Erste, der mich mit der schmerzlichen Tatsache konfrontierte, dass die Geschichte unserer Eltern auch ein Teil unserer eigenen Geschichte ist. Bis zu dieser Begegnung hatte ich aus meinem Bewusstsein verdrängt, was es tatsächlich bedeutet, dass meine Biographie als Tochter eines ungarischen Juden, der in Buchenwald die Shoa überlebt hatte, eine andere war, als die meiner deutschen Freunde und Freundinnen. Ich bekam zum ersten Mal eine Ahnung von der Einsamkeit, die diese schützende Mauer des Schweigens um uns alle errichtet hatte, zu einer Zeit, als das Schweigen noch die einzige Form war, mit der deutschen Vergangenheit umzugehen. Im Verlaufe meiner Ausbildung und auch in meiner journalistischen Arbeit wurden die Probleme der Second Generation der Holocaust-Überlebenden und die Schwierigkeiten der Nachkommen von nationalsozialistischen Eltern ein zentrales Thema. Ich möchte als Psychodramatikerin versuchen, anhand meiner eigenen Erfahrungen darzustellen, dass die Begegnung im Spiel zu einem der wichtigsten Wege gehört, vom eigenen schmerzlichen Erleben Brücken zu bauen, zur Wahrnehmung des Schmerzes im Erleben des anderen.

Isabella Herskovics, Jg. 1946, ist Theater- und Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin, Psychodrama-Leiterin und Absolventin der School of Playbacktheatre, Vassar College in Poughkeepsie N.Y.



Ludwig Janus

Überlegungen zum 11. September:

Die Psychohistorie ist von ihrem eigenen Selbstverständis her gefordert, Antworten auf die psychologischen Hintergründe der Terrorattacken am 11. September zu finden. Selbstopfer zur Rettung des Heils der eigenen Kultur und Zerstörung der Machtsymbole der feindlichen Kultur sind uralte menschliche Motive und sollen Erlösung aus extremer Ohnmacht und Vernichtungsangst bringen. Die Gefahr der inneren Zersetzung der islamischen Kultur durch die aggressive-invasive westliche Einwirkung auf die islamischen Gesellschaften, die aber nicht die Macht zu kriegerischer Auseinandersetzung haben, mobilisiert die archaische Konfliktaustragung der aggressiven Selbstopferung. Eine gleichwertige Begegnung der Kulturen wäre nur möglich, wenn die westliche Kultur die “grenzenlose“ Geltung ihrer Werte relativieren könnte und auf die Schutzwirkung der Universalgeltung solcher Konsense verzichten könnte. Dies ist aber einer innerlich sehr zerrissenenen multiethnischen Gesellschaft wie der amerikanischen in besonderer Weise schwer möglich, die die Universalgeltung ihrer Ideale für den eigenen Zusammenhalt so dringend braucht. Die Konzepte der Psychohistorie wie Gruppentraumatisierung in der frühen Kindheit, fötales Drama, Gruppenphantasie, Reinszenierung von frühen Gruppentraumen in terroristischen oder kriegerischen Inszenierungen usw. können sich in dem neuen Zusammenhang bewähren und einen Verstehenshorizont eröffnen, der ein Ausgangspunkt zur Entwicklung von Umgangsweisen und Lösungsstrategien sein kann.



Gordana Jovanovic

Trauma im gesellschaftlichen Umbruch

Die hier vorgelegten Überlegungen über das Trauma entstammen traumatischen lebensgeschichtlichen Erfahrungen verbunden mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens, die zur Auseinandersetzung mit den psychoanalytischen Traumadeutungs- und Therapiemustern führten. Zunächst wird die Freudsche Psychoanalyse als eine Radikalisierung des modernen Internalisierungsmodells rekonstruiert. Dann wird dieses Modell der Konstituierung der Subjekte mit der Zygmunt Baumans Deutung der postmodernen Gesellschaften als perfekte Übersetzungsmaschinen, die soziale Angelegenheiten in private Sorgen verwandeln, konfrontiert. Daraus würde folgen, daß bei dieser Übersetzungsarbeit auch traumatische Ereignisse desozialisiert werden müssen und das Subjekt nachträglich noch ohnmächtiger gegenüber der Gesellschaft gemacht wird. Solche Deutung des Traumas würde eigentlich eine verstärkte Traumatisierung (im Sinne der Ohnmacht des Subjekts) bedeuten. Angesichts der Auffassung von Marcuse, Psychoanalyse sei eine verborgene Sozialtheorie, wird hier die Frage gestellt, inwiefern das psychoanalytsche Traumamodell als eine metaphorische Antizipation der Ohnmacht des Subjekts unter postmodernen Umständen verstanden werden kann. Hier wird für eine soziohistorisch und kritisch angelegte Deutung und Bearbeitung von Traumas plädiert.

Prof. Dr. Gordana Jovanoviæ, Jahrgang 1952, Professorin für Allgemeine Psychologie und Persönlichkeitstheorien an der Universität Belgrad, Jugoslawien. Sie war Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung und verbrachte in achtziger Jahren anderthalb Jahre an der Universität Frankfurt am Main. Im Jahre 1999 war sie Stipendiatin der British Psychological Society. Neben zwei Bücher in serbischer Sprache (Symbolisierung und Rationalität, 1984 und Freud und moderne Subjektivität, 1997) hat sie verschiedene Veröffentlichungen in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt auf deutsch erschienen: Zur Genese postmoderner Psychologie. Ein Beitrag zur historischen Psychologie. In: Ch. Kraft Alsop (Hg.) Grenzgängerin. Bridges between disciplines. Festschrift für Irmingard Staeuble. Asanger Verlag, Heidelberg, 2001.



André Karger

"Trauma, Angst und Feindbilder aus psychohistorischer Sicht - Zur Aktualität der Diskussion um kulturelle Traumata"

Die vornehmlich ökonomisch und medial sich ausgestaltenden Globalisierungsprozesse stellen Ordnungsstrukturen in Frage und können als Grenzüberschreitung und -indifferenzierung verstanden werden. Grenzüberschreitungen enthalten zumal in ihren Extremen immer ein Moment der Verletzung und provozieren damit in besonderer Weise ihre Wiederherstellung. Das Gedächtnis der Grenzverletzung und deren -wiederherstellung ist das Trauma. Das Trauma scheint in besonderer Weise geeignet, den Zusammenhang zwischen Globalisierungsprozessen und der durch sie provozierten Gewalt theoretisch zu fassen. Nicht zu letzt deshalb hat die Diskussion um kulturelle Traumata, deren Begrifflichkeit oft unscharf bleibt, in den Kulturwissenschaften derzeit Konjunktur. Der Abkünftigkeit des Konzepts des Traumas aus der Psychoanalyse eingedenkend, beabsichtigt der Vortrag die psychoanalytischen Überlegungen zur Dynamik des Traumas im Ausgang von Freud für deren kulturtheoretische Wendung zu nutzen.

André Karger, Assistenzarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Studium der Philosophie; in psychoanalytischer Ausbildung; Gründungs- und Vorstandsmitglied von "Psychoanalyse und Philosophie e. V."
Letzte Veröffentlichungen:
Karger, A. (2001) Psychoanalyse und empirische Traumforschung. Methodisches Dilemma oder Selbsterfüllung? In: R. Heinz, W. Tress (Hg.): 100 Jahre Traumdeutung. Wien: Passagen. 181-194.
Karger, A.; Knellessen, O.; Lettau, G.; Weismüller, C. (Hg.) (2001). Sexuelle Übergriffe in Psychoanalyse und Psychotherapie. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.
Kontaktadresse: André Karger, Heerstrasse 16, D-40227 Düsseldorf, Tel. +49 211 7822504, Fax. +49 211 7822505, Email karger@uni-duesseldorf.de



H. D. Kittsteiner

"Die Angst in der Geschichte und die Re-Personalisierung des Feindes."

Der Vortrag geht von der Annahme aus, dass eine (seit der Aufklärung von der klassischen deutschen Geschichtsphilosophie erstmals dargestellte) nicht-verfügbare Geschichte zum Auslöser von Ängsten wird, weil es ein unmittelbares Handeln auf das Ganze des Geschehens hin nicht gibt. Das Individuum sieht sich dynamischen Strukturen untergeordnet und erfährt in ihnen seine Ohnmacht. Als der am leichtesten zugängliche Ausweg zu einer Handlungsfähigkeit zurückzukehren kann es dann erscheinen, hinter den unverfügbaren Strukturen personale Verursacher zu vermuten, die man in den Bereich des eigenen Handelns zurückbringen kann. Ich halte diese Grundkonstellation als symptomatisch für die Symbolisierung von Freund- und Feindbildern, wobei die Freundbilder der eigenen Kraftverstärkung dienen, die Feindbilder aber das Böse auf einen Punkt konzentrieren, dessen man sich nur bemächtigen muss. Das Denken in diesen Kategorien hat eine lange Tradition; m. E. hat es sich nach dem 11. September 2001 aktualisiert.

Heinz Dieter, Kittsteiner, Dr. phil., geb. 1942, Professor für Vergleichende Europäische Geschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Veröffentlichungen: Die Entstehung des modernen Gewissens. (1991) Listen der Vernunft. (1998), Motive geschichtsphilosophischen Denkens (1998), (Hg.) Geschichtszeichen (1999), (Hg.) Das Komma von Sans, Souci. (2001)



Winfried Kurth

Psychohistorie und Bindungstheorie

Die Bindungsforschung trägt seit über 40 Jahren empirische Belege dafür zusammen, dass es enge Wechselbeziehungen gibt zwischen der Feinfühligkeit und Responsivität von Bezugspersonen, den Verhaltensmustern kleiner Kinder in Trennungssituationen sowie Persönlichkeitsmerkmalen und Bindungs-Konzepten von älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Es wurde eine Systematik sicherer und unsicherer Bindungstypen erarbeitet und in zahlreichen Studien mit verschiedenen Merkmalen der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens in Beziehung gesetzt. Parallel entwickelte Lloyd deMause seine psychogene Geschichtstheorie, die ebenfalls eine Typen-Systematik von Erziehungs- und Interaktionsmodi beinhaltet. Da sich beide Theorien z.T. auf dieselben Aspekte der Wirklichkeit konzentrieren, sollten sie sich miteinander in Einklang bringen lassen. Es wird versucht, Psychoklassen und Bindungstypen in eine einheitliche Ordnung zu bringen. Dabei zeigt sich, dass die Linearität des deMauseschen Ordnungsmusters durchbrochen werden muss. Besondere Berücksichtigung finden in diesem Zusammenhang S. Chamberlains bindungstheoretische Analyse der NS-Erziehung und die Studien von Ch. Hopf et al. über Bindungsrepräsentationen, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit bei west- und ostdeutschen Jugendlichen.

Winfried Kurth, Prof. Dr., Jg. 1961, Studium der Mathematik, 1990 Promotion über formale Grammatiken, seitdem an der Universität Göttingen in mehreren Forschungsprojekten zur Simulation und Modellbildung am Institut für Forstliche Biometrie und Informatik tätig. Parallel dazu Zweitstudium in Pädagogik, Politikwissenschaft und Volkskunde; aktives Mitglied des "Arbeitskreises Gruppenfantasie-Analyse" der DGPF. Seit Okt. 2001 Professur für Praktische Informatik / Grafische Systeme an der Technischen Universität Cottbus.



Uwe Langendorf

"Die Krypta des Schreckens"
Psychische Folgen ethnischer Vertreibung am Beispiel der deutschen "Heimatvertriebenen" in der 2. Generation.

Psychische Folgen ethnischer Vertreibung (Fixierung von Angst, Hass, Feinbildern) sind heute ein globales Problem. Die innere Situation der deutschen "Heimatvertriebenen" nach 45 ist in der Bundesrepublik jedoch bisher mit einem Tabu belegt. Das Trauma der Vertreibung konnte weder individuell noch kollektiv betrauert werden. Die Betroffenen haben den unverarbeiteten Schrecken abgespalten und an ihre Kinder delegiert. Klinische Beobachtungen lassen an eine unzugängliche Zone im Unbewussten der Nachfolgegeneration denken, eine "Krypta des Schreckens". Diese äußert sich in der Unfähigkeit, die eigene Zukunft zu planen oder zu fantasieren,Katastrophenerwartung, Bindungsangst, Fluchtbereitschaft und diffusem, objektlosem Haß und Zerstörungsfantasien, die schamhaft versteckt werden.

Uwe Langendorf, Dr. med, geb. 1941, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in eigener Praxis. Analytische Ausbildung am Psychoanalytischen Institut Koserstraße in Berlin, Dozent am C. G. Jung-Institut Berlin



Bernd Nielsen

"Die Weitergabe von Schmerz als psychohistorisches Grundkonzept.
Überlegungen zum 11. September und zu einer Therapie der Beziehungen zwischen den Nationen."

Die Gewaltakte des 11. Septembers können verstanden werden als Reaktion auf die Verweigerung von Ein- und Mitfühlung und von (verbalem und präverbalem) Feedback zwischen Nationen, die in einer Schmerz- und Gewaltgeschichte miteinander verstrickt sind. Menschliche Beziehungssysteme, in denen zwischen den Partnern der Austausch über Gefühle und Erfahrungen verweigert wird, "bewältigen" Krisen durch Opferungen. Dabei wird das Negative, Schmerzvolle, Angstmachende, Schuldhafte abgespalten und auf geeignete Andere übertragen. Dies geschieht zum einen als Weitergabe an die nachfolgenden Generationen, zum anderen als Zurückgabe an die gegnerische Nation, da oft mit den Mitteln offener kriegerischer Gewalt und ineins mit Akten aggressiver Selbstopferung. Dabei ist das emotionale Feedback, das "Zurückfüttern verdauter Gefühle", wie Melanie Klein gezeigt hat, eine grundlegende Erfahrung des Mitmenschseins und zeigt sich als wesentlich für jede gelungene soziale Gestaltung. In diesem Zusammenhang soll auch das Konzept der "lebendigen Wechselseitigkeit" E.H.Eriksons zur Sprache kommen. Die Evolution der menschlichen Gemeinschaft ist beschreibbar als „Regressions-Progressions-Prozeß“ (deMause) mit dem utopischen Ziel des „Shalom"(= vollständig werden, heilen). Der Weg dahin wäre eine wirkliche, ein- und mitfühlende Gesprächs-beziehung zwischen den Nationen, in der Schmerz- und endlich auch Heilungserfahrungen miteinander geteilt werden.

Bernd Nielsen, Jahrgang 1957, ist Evangelischer Pastor und Theologe mit Zusatzausbildung als Hypnosetherapeut mit systemischem Ansatz. Im Rahmen des ersten Theologischen Examens schrieb er eine große Hausarbeit (im Range einer Diplomarbeit) über das Thema „Die Bedeutung der Psychohistorischen Sichtweise für die Praktische Theologie“ (Kiel, 1990), mit Schwerpunkt auf einer Auseinandersetzung mit den Ansätzen E.H.Eriksons und Ll. deMauses. Seit dieser Zeit ist er Psychohistoriker und Mitglied der Deutsche Gesellschaft für Psychohistorische Forschung.



Uta Ottmüller

Psychohistorische Entwicklung von Konfliktkompetenz

Die psychohistorische Entwicklung der westlichen Zivilisationen hat, nach intensiver Konfrontation mit leiblichen, speziell sexuellen und metaphysischen Ängsten, eine hoch differenzierte Wahrnehmung zwischenmenschlicher Verständigung ermöglicht und vielfältige Methoden der Bewältigung ihres selbst- und fremddestruktiven Potentials hervorgebracht. Die Nutzung dieser Kenntnisse und Methoden entspricht jedoch derzeit weder den mikrosystemischen (familialen und gesundheitlichen) noch den makrosystemischen (interethnischen, zwischenstaatlichen und weltpolitischen) Bedarfslagen in ausreichender Weise. Noch sind selbst demokratische - also formal selbstbestimmte Staaten eher bereit, die immensen physischen und psychischen Kosten von kriegen zu tragen, als ihr eigenes kommunikatives und selbstreflexives Potential zur Entfaltung zu bringen. Die psychohistorische Reflexion (Rückspiegelung) kann uns dies als nicht nur militärischen, sondern auch (im kollektiven Sinne) psychischen Abwehrvorgang verständlich machen und damit die Option des konstruktiven Konfliktaustrags stärken.

Uta Ottmüller Dr.phil., Jahrgang 1949, studierte Geschichte, Soziologie, Germanistik und Pädagogik. Historische Forschungsarbeit am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin. Mutterschaft. Lehraufträge in Soziologie und Politologie der Freien Universität Berlin. Fortbildungen in Körperarbeit und verschiedenen therapeuthischen Verfahren. Organisation der Tagung "Körperarbeit und Lebensstil" im Auftrag des Bildungswerks für Demokratie und Umweltschutz, Berlin, im Februar 1995. Autorin von: Speikinder - Gedeihkinder. Körpersprachliche Voraussetzungen der Moderne, Tübingen 1991, Mitherausgeberin und Autorin bei Enfant t. - Zeitschrift für Kindheit (1991/92). Siehe. auch www. psychohistorie.de



Heinrich Reiß

Frühling für Hitler
Beobachtungen zwischen Feuilleton und Feldforschung aus elf Wochen im Frühjahr 2001

Ein knappes Vierteljahr Medienübersicht von BSE und "Stolz", Sterbehilfe und Gentechnologie bis Taliban und Sklaverei - und wir finden wieder, dass ab einem bestimmten Erhitzungsgrad ein Anker hinüber geworfen wird zum historischen Nationalsozialismus. Das reicht von unscheinbaren Andeutungen ("schon wieder") bis zum harten Hitler-Vergleich. Ich möchte das Feld aufzeigen, das im Frühjahr 2001 aufgespannt wurde und eine Fantasieanalyse dazu versuchen.

Heinrich Reiß ist Lehrer an einer fränkischen Hauptschule, Forschungs- und Vortragstätigkeit im Rahmen der DGPF ("Arbeitskreis Gruppenfantasie-Analyse") zu Hexenvorstellungen um 1960 und Arbeitergeschichte. Mitwirkung in bundesdeutschen Geschichtswerkstätten.



Oskar N. Sahlberg

Bewußte und unbewußte Faszination des Märtyrertodes

Märtyrer, altgriechisch Zeuge, Augenzeuge, dann ein Mensch, der seinen Glauben an Jesus Christus bzw. an den christlichen Gott, in der Verfolgung durch Anhänger eines anderen Gottes durch seinen Tod bezeugt. Es kam zur “Martyriumsbegeisterung”. Arabisch Märtyrer: Shahid. Im Koran Zeuge, Augenzeuge, dann ein Mensch, der für seinen Glauben an Gott (den arabischen) im Kampf gegen die Ungläubigen sein Leben opfert. Der 11. Sept. mit dem amerikanischen Gottesdienst danach erweckte den Eindruck eines Kampfes zwischen einem herrschenden und einem sich-unterdrückt fühlenden Monotheischmus, einer Theomachie, einem Krieg zweier männlicher Eingötter – blutsverwandt, semitisch, Brüder. Es wird die These vertreten, daß die Märtyreridee eine Wurzel im “Geburtstrauma” hat. Ein traumatische Geburt kann mit derPhantasie einer Himmelfahrt und Gottesvereinigung verbunden sein. Man kann vermuten, daß diese in Fällen, in denen das Kind nach der Geburt nicht gut angenommen wurde, im Unbewußten erhalten bleibt, später neu aufgeladen wird und dann den Menschen veranlaßt, im Rahmen des jeweiligen Glaubenssystems und der davon angebotenen Möglichkeiten die Vereinigung mit Gott zu suchen

Oskar N. Sahlberg, Jg. 1932, Psychotherapeut. Veröffentlichungen zur perinatalen Psychologie.



Iris Wachsmuth

Familiendynamische Folgen aus der NS-Zeit: Tradierungen von Verdrängtem, Ängsten und Feindbildern.

Die Bedeutung der Familie - und damit auch der Familiengeschichte – für die Frage nach Demokratiefähigkeit jedes Einzelnen ist groß. Das Verständnis für das Eingebunden sein in einen konkreten familialen intergenerationalen Kontext gehört noch nicht zum allgemeinen Selbstverständnis und sollte deshalb viel stärker in den Blick genommen werden. Welche Tradierungsmuster sind erkennbar? In ausführlichen lebensgeschichtlichen Interviews habe ich 3 Generationen von Familien befragt, die zur NS-Zeit "Mitläufer" waren. So kann ich zeigen, wie sich Denkmuster des Verdrängens, Ausblendens und Verstricktseins in Machtverhältnissen in der 2. und 3. Generation abbilden, aus denen häufig mangelnde Fähigkeiten zum angemessenen Ausdruck von Gefühlen und zur konstruktiven Austragung von Konflikten resultieren.

Iris Wachsmuth, Dipl. Soz., Jg. 1964, Soziologin, seit 1988 aktiv in der Auseinandersetzung um Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, Mitbegrunderin des Projekts 'ZeitSchritte - Von Furstenberg nach Ravensbruck. Ein anderer Weg in die Gedenkstatte. '1995 - 1997 wissenschaftliche Mitarbeiterin im 'Buro fur Kommunikationsforschung und fotografische Datenerhebung'; z. Z. Dissertationsprojekt "Transmissionsdynamiken des Nationalsozialismus in drei Generationen ost- und westdeutscher Familien".



Bernhard Wegener

Angst als Kennzeichen menschlicher Existenz - das Beispiel der Aufklärung

Aufklärung bezeichnet eine Weise kritischer Auseinandersetzung mit gegebenen oder gesetzten Erscheinungen mittels der Vernunft. Die Vernunft wird in ihrer kritischen Funktion apostasiert. Es kommt zu einem dialektischen Umschlagen, denn ein mit Furcht und Angst verbundenes Unbehagen peinigt die Menschen: Melancholie und Hypochondrie, zu deren Symptomen Traurigkeit, Verzweiflung, Furcht und Ängste gehören, gelten als Krankheiten der Epoche. Das Zeitalter des Lichts leidet an Verdüsterung des Gemüts. Die Rationalität hat ihre Grenzen. Es scheint ein Wahn der Aufklärung, von den Menschen die Furcht zu nehmen, indem sie in die Welt der Tatsachen eingeschlossen werden. Die Aufklärung kann sich andererseits nicht einfach ausser Funktion setzen, sondern muss sich immer wieder aufklärend auch sich selber gegenüber verhalten. Grundthema des Referats ist eine Grundbewegung zwischen Vernunft und Angst, Rationalität und Unbewusstem.

Bernhard Wegener, Dr. Dr. Dr., ist klinischer Psychologe an der Berliner Vivantes - Klinik Am Urban. Er ist Psychologe, Theologe und Historiker sowie Lehrtherapeut in Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie.

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Letzte Änderung am: 2. Mai 2002 von A.Bischoff